Die Geschichte der Junkernschänke

-Um die älteste Weinstube Deutschlands, die Junkernschänke, rankten sich in vergangenen Zeiten die verschiedenartigsten Legenden. Man erzählte sich von einem unterirdischen Gang, der von ihr aus zum Kloster Weende, sogar bis nach Nikolausberg geführt haben soll. Auch die wahre Geschichte der Junkerschänke wird durch die Verwirrungen der Jahrhunderte häufig verschleiert. Man ist schon bei ihrem Name nicht sicher, ob sie diese seit Jahrhunderten mit Recht trägt oder er bloß die Folge einer Verwechslung ist, die dann während der Jahrhunderte Tatsachenstatus gewann. Einige der Geheimnisse um ihre Geschichte können wir nach der abgeschlossenen Restaurierung vielleicht lösen. Folgen Sie uns auf eine Reise, die Sie ins 11. Jahrhundert führt, und lassen Sie Ihrer Phantasie für eine kurze Zeit freien Lauf.
-Wir schreiben den 3. Juli 1024. Als Heinrich II. mit seiner Gefolgschaft in den Reinhäuser Wäldern den Weg zur Königspfalz Grone suchte, band er sein Pferd an einer kaum drei Meter großen, heranwachsenden Eiche fest, um sich eine kurze Rast zu gönnen. Der Weg war beschwerlich, seit Wochen regnete es ununterbrochen, die Kleider waren durchnässt, die Haut aufgeweicht. Der Vorhang der Waldesstille wurde vom verhallenden Fluchen der Knechtschaft, die die festgefahrenen Karren aus dem kniehohen Matsch wieder zu befreien versuchte, zerrissen. Der König lehnte sich ermüdet an den armdicken Stamm des Bäumchens und versuchte in einem kurzen Dämmerschlaf, den seit Tagen anhaltenden, stechenden Schmerzen in seiner Brust zu entfliehen. Die Eiche sammelte mit jugendlichem Stolz alle in ihren Fasern gespeicherten Kräfte, um dem von Leiden gezeichneten König einen festen Halt zu bieten: es passiert einer Eiche schließlich nicht jeden Tag, dass ein König ihre Hilfe in Anspruch nimmt – dachte sie. Zehn Tage später war Heinrich II. tot.

Vierhundert Jahre später war der ehemalige Waldweg längst verschwunden, die tiefen Furchen in der Erde wurden von dichtem Unterholz verdeckt. Mitten im Wald stand eine mächtige, Ehrfurcht einflößende Eiche und bot den Holzfällern, die gerade für einen Hausbau die geeigneten Bäume aus dem Wald holen wollten, ihren meterdicken Stamm an. Seitdem sind sechshundert Jahre vergangen; wir stehen heute in einem Haus, in dem dieser tausend Jahre alte Baum seine Dienste noch immer unermüdlich und mit beeindruckendem Pflichtbewusstsein für uns leistet. So könnte die Geschichte dieses wunderschönen Hauses angefangen haben.

Ende des 14. Jahrhunderts: wahrscheinlichste Entstehungszeit des ersten mittelalterlichen Gebäudes auf einem Teil des jetzigen Grundstücks.

1430: Ansiedlung der sog. „Bursa“ Patriziergenossenschaft in das Gebäude, das vor 1446 wahrscheinlich abbrannte. Die Reste vermutlich dieses Gebäudes wurden in zwei Meter Tiefe unter dem jetzigen Straßenniveau, unterhalb von zwei Brandschichten (in ein Meter und 30 cm Tiefe) entdeckt.

1446/52: Errichtung des heutigen Kernbaus mit zwei Obergeschossen und spätmittelalterlicher Dachkonstruktion vom Kehlbalkendachtyp; bestätigt durch dendrochronologische Untersuchungen.

1503–1531: Das Haus ist im Besitz des Malers Bartold Kastrop (Castorp), ein Meister der Marienaltäre in Südniedersachsen. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, es dürfte mit 1460 anzusetzen sein. Er war jedenfalls Meister, als er 1488 in Northeim das Bürger- und Braurecht erwarb und hier ein eigenes Haus gründete. Den Anlass zu seiner Übersiedlung nach Northeim gab wohl die kurz zuvor erfolgte gänzliche Zerstörung seines Geburtsortes Nörten in einer Fehde zwischen dem Bischof Berthold von Hildesheim und der Stadt Hildesheim. Mit letzterer hielten es Goslar, Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg, Einbeck, Northeim und Göttingen, mit dem Bischof dagegen Herzog Wilhelm, dessen Sohn Heinrich. Herzog Erich und seine Mannschaft, zu welcher auch Heinrich von Hardenberg als aufgebotener Vasall gestoßen war. Über die Zerstörung Nörtens schreibt die Dasselsche und Einbecksche Chronik: „Den 4. July 1486 zogen die von Göttingen, Einbeck und Northeim wieder von Nörten, hatte bey sich 2800 Mann zu Fuße, 330 reisige Pferde, 130 Wagen. Dazu kamen die von Goslar, Braunschweig und Lüneburg mit 500 Pferden ohne die Wagen. Die von Göttingen brachten ihre Geschütze und schlichen in der ersten Nacht mit dem Schirm und Geschütz gar nahe vor das Tor ... die Feinde beschlossen, den Flecken mit dem Sturm anzufallen. Aber die Bürger gingen des Nachts davon, und zündeten die Weiber den Flecken an, als ein jeglicher sein Gut in die Keller gebracht und vermauert hatte ... Aber sobald das Feuer anfing, taten die Feinde den Einfall, retteten und löschten, was sie konnten, bekamen noch viel Vieh und ander Gut aus den Häusern ... und bleiben da selbst etliche Tage, zerbrachen an dem Flecken Tor und Tür, Korbhäuser und Bollwerke, und alles, was noch stund, rissen sie in Haufen ... zerbrachen die Kirche und bekamen daraus ein großes Gut an Golde, Gelde, Kleider ...“ Kastrops rege künstlerische Tätigkeit und der damit verbundene wirtschaftlicher Aufschwung ermöglichte ihm 1499 die Verlegung seines Wohnortes und Betriebes nach Göttingen. Dies geschah nach seiner Heirat mit Katharina, der älteren Schwester des Malers Heinrich Heisen, der nach Kastrops Tod dessen Werkstatt übernahm. Ab 1503 ist Kastrop als Besitzer der Junkernschänke in Göttingen nachweisbar. Er bezeugt dies sechs Jahre später selbst in der Inschrift, die er hinter der Madonna seines Hetjershäuser Altars anbrachte. Darin heißt es: „... to der tidt in barvote strate an dem orde der jode straten...“ also Barfüßerstraße, Ecke Jüdenstraße. In den beiden ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erreicht Kastrop den Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn. Aus dieser Zeit stammt wohl sein reifstes Werk, der Altarschrein in der Kirche von Hetjershausen. 1530 wohnt er noch immer in der heutigen Junkernschänke, wo er um 1532 auch starb. Träger des Namens Kastrop waren als Bauern und Handwerker in Nörten, Angerstein, Lütjenrode und Großenrode ansässig. Die Schreibweise des Namens unterliegt in den alten Steuerlisten mancherlei Abwandlungen: Mit „K“ oder „C“ am Anfang wird er als Castorf, Kastroff, Castorp, Kastroff geschrieben. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren in Nörten zeitweise bis zu vier Brauhäuser im Besitz der Familie Kastrop. Wo aber das Geburtshaus des Bartold Kastrop gestanden haben könnte, lässt sich in seinem Heimatort nicht mehr ermitteln.

1541: Die Witwe von Kastrop verkauft die Junkernschänke an Gyseler Swanenflogel, dem Göttinger Ratsherr und Bürgermeister, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1566 bewohnt.

1547/48: Das Haus bekommt den mit Renaissanceschmuck reich ausgestatteten Eckerker mit biblischen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, den Planetengöttern, diversen Ornamenten sowie den Porträt des Gyseler Swanenflogel und seiner Frau Othilia.

1576: Nach dem Tod der Witwe Swanenflogel erbt Wedekind Swaneflogel, der Sohn von Franz Swaneflogel, den „domus Swaneflogel“.

1580: Wedekind Swaneflogel veräußert das Haus an die von Mandelslo.

1587–1684 Besitzer ist die Familie Richelm

1683: Der Magister Otto Christoph Cöler, der 1684 Pfarrer zu St. Nicolai und seit 1687 Pfarrer zu St. Jacobi ist, übernimmt das Haus.

1702: Die Junkernschänke wird auf dem Stadtplan als „wüste Stelle“ aufgeführt, was bedeutet, dass das Haus zu dieser Zeit verfallen war.

1713: Nach dem Tod Cölers übernehmen seine Erben das Haus.

1724: Die Witwe des Pastoren Heinrich Christoph Domeier – Tochter des Magisters Cöler – steht als Besitzerin der Junkernschänke in den Schossbüchern der Stadt.

1728: Nach ihrem Tod werden bis 1637 die Erben und seit 1738/39 Dieterich Ulrich Domeyer als Besitzer aufgeführt. Um diese Zeit werden umfangreiche Baumaßnahmen am Haus durchgeführt, unter anderem werden Teile des Innenhofs in das Haus integriert.

1740: Die unmündige Töchter verkaufen das Haus dem Lizenzeinnehmer Brandes.

1797: Friedrich Wilhelm Eggers, ein Kaufmann, erwirbt die Junkernschänke und betreibt in ihr Spezerei und Eisenhandel.

1815: ein Schwiegersohn Carl Hartmann übernimmt das Geschäft seines Schwiegervaters. Er wird aber erst in der Schossliste von 1823 als Besitzer des Hauses aufgeführt.

1881: Das Adressbuch verzeichnet noch Emil Hartmann als Eigentümer

1883: Hermann Mütze errichtet in dem Haus den ersten Weinhandel (Altdeutsche Weinstube) Deutschlands . Ihm folgte in dem Geschäft sein Sohn Wilhelm Mütze, der das Junkernhaus zu großer Berühmtheit bringt und auch als Autor von volkstümlichen Dramen und Schauspieler bekannt geworden ist.

1930 erwirbt die Stadt das Haus für 54 000 Mark und stellt es dem Kreishandwerkbund zur Verfügung, der in ihm ein gut besuchtes Gaststätte einrichtet.

1945 zerstört eine Fliegerbombe, die Göttingen trifft, den hinteren Teil des Hauses in der Jüdenstraße.

Nach Kriegsende werden die Schäden repariert, als städtischer Besitz verpachtet und weiter als Gastronomie benutzt.

1983 wird die Außenfassade nach historischem Bild rekonstruiert.

2003: Nach Einstellung des Gastronomiebetriebes (1997) wird die stark baufällige Junkernschänke zum Verkauf angeboten und von der Familie Bardosi erworben.

2008: werden die umfangreichen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten unter der Leitung des Architekten Jürgen Schenk abgeschlossen und die Junkernschänke mit einem neuen Konzept als Gastronomie-Kulturzentrum eröffnet.

2010: Nach Insolvenz und vorübergehender Schließung wird die Junkernschänke am 1. November unter der Regie der Hamburger Geschäftsmänner Leif Nilsson und Ronald Crone wieder eröffnet.

„Das Werk lobet den Meister“, steht in den alten hölzernen Türsturz geschnitzt – wir dürfen hinzufügen: „– und nicht das Wort“. Der Geist dieses alten Meisters ist wieder in alter Würde unter uns, wir müssen ihn nur am Leben erhalten.
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