Die Schnitzereien

1547/48 bekommt die Junkernschänke den mit Renaissanceschmuck reich ausgestatteten Eckerker mit biblischen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, den Planetengöttern, diversen Ornamenten sowie den Porträts des Gyseler Swanenflogel und seiner Frau Othilia, geborene Geilfuß aus Allendorf.
-Der Bau wurde vermutlich durch den Baumeister Tile Oppermann unter Zuziehung des damals berühmten Bildschnitzers Tile Waßmuth ausgeführt. Die Ecke des Erkers schmückt das Wappen der beiden Erbauer und auch ihre Porträts. Beschützt werden sie von Johannes dem Täufer und Christus selbst, deren Medaillonbilder die Eckknagge über dem Paare zeigt.
-Tanzend und frohlockend blickt der Liebesgott auf Delila-Szene herab. Schlimm ergangen ist es dem Holofernes, dessen Haupt Judith in der Linken hält. Links von ihr sehen wir David die Harfe spielend und daneben König Salomo.
-Zwischen David und Salomo stehen zwei Frauengestalten: Bathseba, Urias Frau, und Saba, die thronende Königin von Reicharabien. Auch das erste Menschenpaar Adam und Eva darf nicht fehlen. Schuldig sind sie alle geworden, vom ersten Menschenpaar an, das deshalb durch die Erzengel aus dem Paradies vertrieben wird. Die Verstrickung in Schuld und Sünde ist also der Leitgedanke, der die Einzelbilder an der Barfüßerstrasse, die sämtlich dem Alten Testament entnommen sind, zu einer Einheit zusammenfügt.
-Aber einer ist da, der die Erlösung von Schuld und Sünde bringt: Jesus Christus. Das verkündet einerseits der hoch über allem Gerank thronende Christus am Kreuz, andererseits aber auch das Medaillonbild Christi an dem Eckständer der Barfüßerstraße und Jüdenstraße, auf dem sein Wegbegleiter Johannes mit den Worten: „Seyt, dat ist dat Lam Godes, das der Welt Synd drecht“ hinweist.
-Der Schuld des Alten Bundes stellt er in den Bildern an der Jüdenstraße die Erlösung durch Jesu Opfertod im Neuen Testament gegenüber. Deshalb finden wir hier die Männer dargestellt, die Jesu Lehre verkündigen, die als Bücher haltenden Evangelisten, Matthäus, Marcus und Lucas.
-Der Kelch weist auf Johannes, der Schlüssel auf Petrus und das Schwert auf Paulus hin. In den Ständer sind die Planetenbilder Saturn, Merkur, Sonne, Mars, Venus, Jupiter und Luna eingehauen.

Die strenge Thematik der Figurenanordnung erstreckt sich auch auf die Planetengottheiten, wenn über Matthäus, der Götterbote Merkur, über Marcus, dessen Symbol der Löwe ist, das Tierkreisbild des Sonnengottes, über Lucas, dessen Symbol der gehörnte Stier ist, Mars mit dem verwandten Tierkreisbild des Widders positioniert ist.
-Johannes, der Lieblingsjünger Jesu und Venus sind zueinander in Parallele gesetzt. Wie sinnvoll ist der Gedanke, über den Apostelfürsten Petrus den Göttervater Jupiter zu setzen und über Paulus, den eifrigen „Menschenjäger“ Luna mit Pfeil und Bogen.
-Als zusätzliche Verzierungen sind die Porträts der Mitglieder der Familie Swanenflogel in Tondouform und auch der Diener des Hauses mit seinem Hund (Nordecke des Erkers in der Jüdenstraße) angebracht.
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